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18:00

Funny Games (1997)

(Michael Haneke)


«Ein bisschen erinnern die Kontroversen rund um Funny Games an die Natural Born Killers von Oliver Stone»

Claus Philipp, Der Standard, 12. September 1997



Österreich 1997
Buch und Regie: Michael Haneke
Kamera: Jürgen Jürges
Darsteller: Susanne Lothar (Anna), Ulrich Mühe (Georg), Arno Frisch (Paul), Frank Giering (Peter), Stefan Clapczynski (Schorschi)
Länge: 103 Minuten



Reaktionen:

• Haneke hat recht, wenn er manche Verherrlichungen von Gewalt eng mit der gegenwärtigen Praxis der Massenmedien zusammendenkt – aber sein polemischer Ingrimm, mit dem er Grausamkeiten noch zuspitzt, beliefert letztlich nur einen Markt, der tatsächlich immer härteren ‹Stoff› sucht. Ein bisschen erinnern die Kontroversen rund um Funny Games an die Natural Born Killers von Oliver Stone. Auch dort gab jemand vor, mediale Gewalt zu dekonstruieren. Auch das wurde letztlich nur modisch begrüßt – für schwere Denke bei kulturpessimistischen Selbstgeißlern bzw. als Schauwert für MTV-Freunde. (Claus Philipp, Der Standard, 12. September 1997)

Keine Mittäterin werden – Leserbrief einer FSK-Veteranin
Natürlich ist meine Ausgangsposition hoffnungslos, wenn ich mir die Bewertung eines Films anmaße, den ich selbst nicht gesehen habe, sondern nur durch Aussagen des Regisseurs und Kostproben veröffentlichter Meinung abstützen kann. Wie meist bei auffälligen Filmen sind sich die Kritiker auf interessante Weise uneins. Nach der Süddeutschen Zeitung beispielsweise spielt in Funny Games nicht das Mördertrio mit seinen Opfern, sondern der Regisseur mit den Kinobesuchern, während die Frankfurter Allgemeine den ‹Überwältigungscharakter des Mediums› preist. Streng genommen ist auch nicht der umstrittene Film das ‹Opfer der Begierde› (zur Kritik!), vielmehr ist es die hohe Bewertung des Films durch mir bekannte und geschätzte Filmberater, die ihm das Prädikat sehenswert verpassten. Trotz meines Respekts werden sie mich nicht zum eigenen Augenschein auf den Marsch ins Kino setzen. Mit der Unterschiebung, ‹die Brisanz der Fragen, die Haneke in diesem grausamen Spiel anschneidet nicht ernsthaft zur Kenntnis zu nehmen› (film-dienst) werde ich – und hoffentlich auch andere Besuchsverweigerer – leben können. Tröstlich immerhin, nicht durch einen schweren Golfschläger lädiert zu werden, der auf ein Schienbein saust! [...] Zwar scheint mir der Disput über zunehmende Gewaltbereitschaft ohne zusätzlichen Aufklärungsbedarf, denn die Fakten ihrer Realität kommen täglich wie frische Semmeln schon auf den Frühstückstisch und gegen Vertrauensseligkeit an der Haustüre hat uns schon Eduard Zimmermann geimpft. Aber Hanekes Warnung vor dreisten Unholden ist, wenn ich die Interpreten richtig verstehe, nur ein Nebeneffekt seiner Geschichte. In Wirklichkeit will er die verdeckt im Kino sitzenden Komplizen erschrecken, die mit wohlig ausgestreckten Beinen und einer Tüte Popcorn im Schoß das Brutalmonster Film skrupellos genießen, heute wie gestern und morgen. Ihr Genuss ohne Reue am Nimbus der Gewalt, bar jeden Mitgefühls und Gnade für ihre Opfer, stempelt sie zu schuldhaften Mittätern. Weil das Potential mitgelieferter Brutalität den genussvollen Unterhaltungseffekt nicht aufwiegt, greift Haneke zum Mittel inszenierter Quälerei als erzwungener Selbsterfahrung des Zuschauers. Der sanften Tour als Transportmittel von Einsicht und Einkehr misstrauend, will er den Leuten im Kino durch Zufügung schmerzhafter Gefühlsverletzung den Appetit auf Mediengewalt verderben. Dafür nimmt er offensichtlich ein moralisches Recht in Anspruch, Grenzen des Zumutbaren bewusst zu überschreiten. Diese Grenzen sind freilich nirgendwo authentisch definiert und verbindlich festgeschrieben. Aber jede Gesellschaft entwickelt Grenzwerte zum eigenen Schutz und zur Gefahrenabwehr für ihre Bürger. Die Missachtung dieser Grenzlinie etwa durch die These, dass der Zweck die Mittel heiligt, ist erfahrungsgemäß ein moraltheologischer Irrtum mit nachhaltigen Folgen. Auch das homöopathische Rezept, Gleiches mit Gleichem zu heilen, taugt nur für die Medizin. Gibt es überdies Sinn, wenn ein Teil der Zielgruppe vorzeitig das Kino verlässt und statt mit bewegendem Ernst und gewecktem Problembewusstsein mit Unlustgefühlen flüchtet und sei es auch nur aus Ärger über verlorene Zeit und verschwendetes Geld?
Vielleicht ist Haneke im Umfeld heutiger Pädagogik nicht ganz zuhause. Sie hat nämlich längst erkannt, dass für Einsicht und Umkehr zum Guten nicht Abscheu vor dem Bösen als Triebfeder taugt oder gar Einsicht und Einkehr bewirkt. Unsere Eigenhaftung am Unrecht lässt sich nur schwer durch Argumente ablösen und durch Angstgefühle vor schädlichen Folgen abbauen. Es gilt vielmehr, alternative ‹Inszenierungen› von Lust zu entwickeln, wie sie die sogenannte ‹Erlebnispädagogik› einfallsreich praktiziert, um der Sache mit dem ‹Kick› auf der Spur zu bleiben, einem Anreiz zum Objektwechsel für Interesse, Spannung und Lust. Ich zweifle am teuer erkauften Sinn von Hanekes säkularisiertem Heilsangebot. In diesen Wochen hat ein Philosophenkongress wieder am giftigen Duft der ‹Blumen des Bösen› geschlürft, um auf seinen verführerischen Geschmack zu kommen (Baudelaire). Dass er jederzeit abrufbar ist, konnten Psychologie und Pädagogik bisher nicht verhindern. Aber dass auch Gefühle wie Menschenliebe, Gemeinsinn, Mitleid und Vergebung und ein überfließendes Herz ‹duften› können, überlässt den ‹Blumen des Bösen› wenigstens nicht alle Chancen. Diesen Duft auch im Kino in die Nase zu bekommen, ist gewiss nicht weniger ‹sehenswert› als Hanekes ‹Thriller›. Er deckt auch Modergeruch auf, den im eigenen Herzen ganz gewiss. (Leserbrief von Paula Linhart, langjährige Vertreterin Bayerns in den Ausschüssen der FSK, zur Kritik von Funny Games im Film-Dienst)


Trailer (Quelle: youtube)