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18:12

Im Reich der Sinne (1976)

(Nagisa Oshima)



«Der größte Porno aller Zeiten.»

B.Z. über Im Reich der Sinne



Japan, Frankreich 1976
Buch und Regie: Nagisa Oshima
Kamera: Hideo Ito
Darsteller: Tatsuya Fuji (Kichizô), Eiko Matsuda (Sada Abe), Aoi Nakajima (Toku, Kichizôs Frau), Taiji Tonoyama (Bettler), Meika Seri (Magd), Kanae Kobayashi (alte Geisha)
Länge: 108 Minuten



Die Geschichte der Abe Sada
Im Internet kursiert ein Bild, das die historische Sada Abe kurz nach ihrer Verhaftung am 20. Mai 1936 auf der Polizeistation in Takanawa zeigen soll. Zu sehen ist dort eine junge Frau im traditionellen Gewand einer Geisha; fröhlich, vielleicht ein wenig schüchtern lächelnd. Um sie herum stehen vier Männer in Anzügen oder Uniform, die ebenfalls lächeln, ungezwungen, teilweise geradezu ausgelassen. Zwei von ihnen werfen der Gefangenen Blicke zu, aus denen man Bewunderung herauslesen könnte. Ob es sich bei diesem Foto tatsächlich um ein authentisches Dokument handelt, sei dahingestellt. Aber es würde passen zum Mythos, der den Kriminalfall der Sada Abe in Japan praktisch von Beginn an umgab. Da steht eine Frau, die ihren Geliebten erdrosselte und ihm hinterher die Genitalien abtrennte, umringt von Polizisten, die sie anhimmeln, als wäre sie ein Star.
Nagisa Oshimas Im Reich der Sinne basiert auf einer wahren Begebenheit. In der Nacht zum 18. Mai 1936 tötete Sada Abe nach einer exzessiven erotischen Affäre ihren Geliebten Kichizo Ishida. Hinterher trennte sie mit einem Messer das Geschlechtsteil des Toten ab, wickelte es in eine Zeitschrift und packte es in ihre Handtasche. Mit Blut schrieb sie «Sada, Kichi Futari-kiri» («Sada, Kichi für immer vereint») auf den Leichnam und spazierte davon. Die anschließende öffentliche Fahndung ging als «Abe Sada Panik» in die japanische Kriminalgeschichte ein. Überall im Land wollten Augenzeugen die Gesuchte entdeckt haben. Verhaftet wurde sie schließlich zwei Tage später, am 20. Mai, im Zimmer eines Gasthofes. Beim Eintreten der Polizei soll sie sich sofort zu erkennen gegeben und, um alle Zweifel auszuräumen, das Glied des Toten präsentiert haben. «Ich liebte ihn so sehr, ich wollte ihn ganz für mich alleine», gab sie später auf die Frage zu Protokoll, weshalb sie den verheirateten Ishida getötet habe. Sada Abe, die am 28. Mai 1905 als siebtes von acht Kindern einer Mittelschichtfamilie in Tokio geboren worden war und sich vor ihrer Begegnung mit Ishida zunächst wenig erfolgreich als Geisha versucht, schließlich als Prostituierte und später als Kellnerin durchgeschlagen hatte, wurde am 21. Dezember 1936 wegen Totschlags zu sechs Jahren Haft verurteilt. Am 17. Mai 1941, fünf Jahre nach der Tat, wurde sie vorzeitig entlassen. 1948 erschien ihre Autobiografie Memoirs of Abe Sada. Danach zog sie sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück, ehe sich zu Beginn der 1970er Jahre ihre Spur verlor. Aber die Legende lebte weiter; bereits Regisseur Noboru Tanaka brachte sie 1975 als Die Geschichte der Abe Sada auf die Leinwand. Und noch immer rankten sich Gerüchte um Sada Abe. Henry Miller sei ihr angeblich einmal begegnet. Da war sie Hotelbesitzerin und verheiratet. Als ihr Mann von ihrer Vorgeschichte erfuhr, nahm er Reißaus. Und auch Nagisa Oshima, hieß es, habe Sada Abe bei den Recherchen zu seinem Film noch einmal ausfindig gemacht: mit kurzgeschorenen Haaren in einem Nonnenkloster.


DVD-Tipp: Noboru Tanaka (Regie): A Woman Called Abe Sada, Japan 1975. Rapid Eye Movies. Lesetipp: Nagisa Oshima: Schriften – Die Ahnung der Freiheit. Berlin: Wagenbach 1982.

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