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Im Westen nichts Neues (1930)

(Lewis Milestone)


«Der wohl bedeutendste und ehrlichste Antikriegsfilm der USA – eine realistische Abrechnung mit dem Ersten Weltkrieg.»

aus: Lexikon des internationalen Films



USA 1930
Regie: Lewis Milestone
Buch: Del Andrews, Maxwell Anderson, George Abbott, Lewis Milestone nach dem Roman von Erich Maria Remarque
Kamera: Arthur Edeson, Karl Freund
Darsteller: Lew Ayres (Paul Bäumer), Louis Wolheim («Kat» Katczinsky), John Wray (Himmelstoß), «Slim» Summerville (Tjaden), Russell Gleason (Müller), William Bakewell (Albert), Scott Kolk (Leer), Arnold Lucy (Professor Kantorek), Ben Alexander (Franz Kemmerich), Walter Rogers (Behn), Beryl Mercer (Pauls Mutter)
Länge: 140 Minuten



Reaktionen:

• Der Lokalanzeiger brachte am Sonnabend morgen einen kurzen Bericht über den von den Nationalsozialisten veranstalteten Skandal im Mozartsaal anlässlich einer Vorführung des Films Im Westen nichts Neues. Es war von Stinkbomben die Rede, von weißen Mäusen, ‹die ganz munter im Parkett herumsprangen›, und von der Räumung des Theaters, unter dessen Besuchern ‹offenbar zahlreiche Nationalsozialisten waren›. Zum Schluss wird noch bemerkt, dass ‹im Theater eine Spiegelscheibe zerschlagen ist, außerdem die Fensterscheibe des Kassenraums. Eine Kassiererin, Frau Debius, hat durch Hiebe und Stöße leichte Verletzungen erlitten›. Diese letzte Feststellung ist die einzige Andeutung, die das Blatt seinen Lesern gibt, in welch rüpelhafter und gemeiner Weise sich die Skandalmacher gegenüber den übrigen Besuchern und dem Personal des Theaters benommen haben.
In der im gleichen Verlage erscheinenden Nachtausgabe des Sonnabend wird der organisierte Überfall der ‹offenbar zahlreichen Nationalsozialisten› in eine ‹einmütige nationale Empörung› einer ‹aus Männern und Frauen des gesamten nationalen Bürgertums zusammengesetzten Opposition› unter den Theaterbesuchern umgedichtet. Von der durch Männer und Frauen des nationalen Bürgertums misshandelten Frau Debius ist nicht mehr die Rede.
Statt dessen spricht der Bericht der Abendausgabe sehr viel über deutsche Ehre und deutsche Begeisterung. (Vossische Zeitung, 7. Dezember 1930)

• Das Reichswehrministerium hat sich in seinem Gutachten auf den Standpunkt gestellt, dass mit Rücksicht auf die Urfassung der Film in Deutschland nicht zuzulassen sei. Diese Auffassung wird augenblicklich in der deutschen Presse diskutiert und je nach der politischen Einstellung als richtig oder falsch beurteilt. Wir möchten meinen, dass man diesen Film schon deswegen nicht vorführen solle, um endlich einmal die Amerikaner handgreiflich davon zu überzeugen, dass wir es uns nicht gefallen lassen, nationale Dinge außerhalb unserer Grenzen zu verunglimpfen und mit demselben Bildstreifen, anders synchronisiert, nachträglich bei uns Geschäfte zu machen. (Kinematograph, 9. Dezember 1930)

Kleinbürgerlicher Ausbruch des Misshagens
Der amerikanische Remarque-Tonfilm, der beinahe überall im Ausland gezeigt worden ist, hat bereits vor der Berliner Premiere die deutsche Öffentlichkeit erregt, ja sogar eine Meinungsdifferenz zwischen zwei hohen Behörden heraufbeschworen: dem Auswärtigen Amt und dem Reichswehrministerium. Äußerte jenes auf Befragen der Filmprüfstelle, dass es keine Bedenken gegen den Film habe, so behauptete dieses, dass der Film das Ansehen der deutschen Armee und damit das deutsche Ansehen überhaupt gefährde. Auch eine deutschnationale kleine Anfrage, die im Preußischen Landtag eingegangen ist, wollte schon im voraus angebliches Unheil verhüten; erklärt sie doch unumwunden, in dem Film werde ‹unsere deutsche Jugend verhöhnt und als unmännlich dargestellt. Die Tendenz laufe auf eine Verächtlichmachung der opferbereiten Vaterlandsliebe hinaus.
Die Filmprüfstelle hat zum Glück den Film doch freigegeben. Er ist im Mozartsaal angelaufen und mit Ergriffenheit aufgenommen worden. Aus eigener Kraft widerlegt er die törichten Anschuldigungen, die ein falsch verstandener Patriotismus und parteipolitische Bedürfnisse gegen ihn erhoben haben. Weder verringert seine deutsche Fassung – sie ist eine verkürzte Ausgabe der amerikanischen – das Ansehen der alten Armee, noch verhöhnt sie die deutsche Kriegsjugend. Aber ich verstehe gut, dass ihre Vorführung manchen Leuten unangenehm ist.
Denn immerhin: der Film macht den Krieg nicht schmackhaft. Weniger durch seine Schreckensbilder als durch den strikten Nachweis, dass das Heldentum draußen in den Schützengräben nicht standhält. Es wird gründlich desavouiert. Hat der Film ein Verdienst, so dieses: die Hohlheit des widerwärtigen idealistischen Geschwöges zu entlarven, mit dem der Schulprofessor seine Jungen in den vorschriftsmäßigen Begeisterungstaumel versetzt. Sie ziehen als Kriegsfreiwillige hinaus und erfahren schnell, dass die Wirklichkeit des Kämpfens, Hungerns und Sterbens sich von den schwindelhaften Trugbildern unterscheidet, die ihnen im Hinterland vorgegaukelt wurden. Der Heroismus fällt von ihnen ab, die Ideen, denen sie zu gehorchen glaubten, verwandeln sich ihnen in Ideologien, und ein Sinn ist nicht mehr zu greifen. Wenn sie trotzdem weitermachen, geschieht es hier aus Notwehr und aus jenem Herdentrieb, der dem einzelnen die Absonderung untersagt.
Wird durch diese planmäßig durchgeführte Entzauberung der Krieg geschändet? Es hat zwar den Anschein, als wolle das Filmwerk Stimmung gegen ihn machen, aber in Wirklichkeit dringt es genau so wenig wie das Buch von Remarque über die Stimmung hinaus bis zum Kern vor. Gewiss fallen in den Dialogen einige Bemerkungen, denen das Premierenpublikum laut und beifällig zustimmte. So meint einer, dass zwei Völker sich schlechterdings nicht beleidigen könnten, und ein anderer schlägt vor, dass in Zukunft sich nur die Kriegshetzer die Fürsten und Generale bekriegen sollen. Doch was besagen solche unverbindlichen Floskeln wider die Tatsache des Kriegs? Statt die Frage nach seiner Herkunft zu stellen oder ihm mit politischen und sozialen Argumenten auf den Leib zu rücken, bleiben Film und Buch in kleinbürgerlichen Ausbrüchen des Missbehagens stecken, die den Bildern des Grauens keine genügende Unterstützung zu leihen vermögen. Paul, einer der jungen Freiwilligen, wird gelegentlich seines Urlaubs vom Schulprofessor aufgefordert, vor die Klasse zu treten und sich durch eine kurze Ansprache zu entflammen. Er weigert sich, dem professoralen Heldengewäsch zu sekundieren, beteuert verzweifelt, nicht reden zu können. Diese Stummheit kennzeichnet die höchst anfechtbare Neutralität des Films (und natürlich auch des Romans). Sie ist der Erkenntnis feindlich. Sie steigert den Krieg zum mythischen Schicksal empor, der er nicht ist, und belässt ihm die Unabwendbarkeit, die er nicht hat. Ich befürchte, dass die Kriegslüsternen unter den Jungen durch den Film nicht davon zurückgehalten werden, neue Heldentaten zu begehen. Und ich schätze, das Reichswehrmisterium habe gar keinen Grund, so sehr in Sorge zu sein.
Das soll nicht heißen, dass der Film die Gemüter unbehelligt entlässt. Er strapaziert sie nicht minder wie Westfront 1918, der bekannte Kriegsfilm des Regisseurs Pabst. Beide Werke stimmen in der Grundhaltung miteinander überein; nur unterstreicht der deutsche mehr als der amerikanische die Monotonie der Schützengrabenjahre und tritt auch vielleicht etwas ausdrücklicher gegen den Kriegswahnsinn auf. Dafür arbeitet der Remarque-Film die Einzelgestalten mit unvergleichlicher Deutlichkeit heraus, ohne um ihretwillen den Gang der allgemeinen Ereignisse zu vernachlässigen. Sein Hauptthema: die Ernüchterung der kleinen Soldatengruppe, wird in einer Szene festgehalten, die haften bleibt. Die Jungen umstehen im Lazarett das Bett ihres Kameraden, und einer von ihnen vergisst buchstäblich den Sterbenden über der Gier nach seinen Stiefeln. Da er immer Blasen an den Füßen hat, nimmt er sich einfach die Stiefel angesichts des Todes: Das ist unsentimental gemacht, das ist wahr.
Unter der Regie von Lewis Milestone ist der Film mit großem Apparat, bewundernswertem technischen Können und einer außerordentlichen Wirklichkeitstreue hergestellt worden. Der altmodische Schlachtendonner differenziert sich zum Ineinander der verschiedensten Höllengeräusche, und alle Kriegsbilder früherer Zeit verblassen vor den Nahkampfszenen, die sich hier nah an den Beschauer herankämpfen. Die Episoden wuchern ein wenig zu üppig, aber in ihrem Gerank findet sich eine wunderschöne, die wie eine kleine traurige Blüte aufsprießt. Es ist jene, in der Paul der Französin einen Besuch abstattet. Man sieht die beiden nicht, man hört sie nur im Schlafgemach, dessen rührende Armut sich ungeschminkt darbietet, über ihr flüchtiges Zusammensein und das Unglück des Krieges reden. Leider passen sich die nachträglich einmontierten deutschen Worte den Mundbewegungen der Amerikaner oft nur mangelhaft an. (Soll der tönende Film die Internationalität des stummen bewahren, so muss man entweder das Schwergewicht von den Dialogen zurück auf die Bilder und auch auf die Geräusche verlegen oder jeden Film von vornherein in allen Hauptsprachen drehen. Der Versuch, amerikanische Sprecher für deutsche auszugeben, ist ein Unding.)
Was ich seinerzeit über die begrenzte aktuelle Bedeutung von Westfront 1918 schrieb, gilt auch für den Remarque-Film. ‹Schon ist eine Generation ins Alter der Reife gerückt›, lautete die betreffende Stelle in meinem damaligen Bericht, ‹die jene Jahre nicht mehr aus eigener Erfahrung kennt. Sie muss sehen, immer wieder sehen, was sie nicht selbst gesehen hat. Dass ihr das Angeschaute zur Abschreckung diene, ist unwahrscheinlich, aber wissen soll sie, wie es gewesen ist. Es kommt hier aufs Wissen an, nicht auf den mit ihm verbundenen Zweck.› Anschauungsunterricht ist zweifellos nützlich. Aber es scheint mir, noch nützlicher wären jetzt Filme, die uns nicht nur die Greuel der Kriege zeigten, sondern die Entstehungsursachen aufdeckten und ihre wirklichen Folgen.“ (Siegfried Kracauer: Im Westen nichts Neues. In: Frankfurter Zeitung, 6. Dezember 1930)


webtipps:
www.deutsches-filminstitut.de (15.08.2010)
www.erft.de (15.08.2010)

Trailer (Quelle: youtube)