{"id":19,"date":"2011-01-16T17:18:59","date_gmt":"2011-01-16T16:18:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.skandalfilm.net\/"},"modified":"2011-02-01T09:30:26","modified_gmt":"2011-02-01T08:30:26","slug":"der-skandalfilm","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.skandalfilm.net\/?page_id=19","title":{"rendered":"Der \u00abSkandalfilm\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>Den Anfang machte ein Kuss. Achtzehn Sekunden gen\u00fcgten, um im Fr\u00fchjahr 1896 den vermutlich ersten Skandal der Filmgeschichte auszul\u00f6sen. Die Tageszeitung <em>New York World<\/em> hatte US-Filmpionier Thomas Alva Edison beauftragt, eine Szene aus dem beliebten New Yorker Lustspiel <em>The Widow Jones<\/em> nachzustellen: einen Kuss. Unter der Regie von William Heise k\u00fcssten sich deshalb im April 1896 die Schauspieler May Irwin und John Rice in Edisons <em>Black Maria Studio<\/em> in West Orange, New Jersey, vor laufender Kamera wie sie es zuvor bereits unz\u00e4hlige Male auf der B\u00fchne getan hatten. Das hei\u00dft eigentlich k\u00fcssen sie sich nicht wirklich. Ihre Wangen ber\u00fchren sich, w\u00e4hrend sie neckisch l\u00e4chelnd \u2013 und nat\u00fcrlich tonlos \u2013 miteinander reden. Dann zwirbelt er sich seinen Schnurbart zurecht, beugt sich zu ihr und tut so als w\u00fcrde er sie k\u00fcssen. Der vermeintliche, in Naheinstellung gezeigte, Kuss dauert kaum l\u00e4nger als eine Sekunde. Aber das, was einem aufgekl\u00e4rten Kinog\u00e4nger heute geradezu keusch und ein bisschen albern vorkommt, war in den fr\u00fchen Tagen des Films eine Sensation. Mit der ersten Kussszene der Filmgeschichte wurde Kiss auch zum ersten Film, der den Ruf nach Zensur laut werden lie\u00df: \u00abBei so etwas sollte die Polizei einschreiten!\u00bb, ereiferte sich Herbert S. Stone, der Herausgeber der Chicagoer Literaturzeitschrift <em>The Chap Book<\/em> in der Ausgabe vom 15. Juni 1896.<\/p>\n<p>Doch auch \u00fcber 80 Jahre nachdem May Irwin und John Rice so getan hatten, als ob sie miteinander knutschten, konnten K\u00fcsse noch einen Skandal entfachen, wenn wie 1977 in Wolfang Petersens <em>Konsequenz<\/em> zwei M\u00e4nner daran beteiligt waren. \u00dcberhaupt entz\u00fcndeten sich viele Filmskandale an der Darstellung von Sexualit\u00e4t. Aus dem, was jeweils als skandal\u00f6s empfunden wurde, l\u00e4sst sich auch ein Wandel der geltenden gesellschaftlichen Sexualmoral ablesen. Aber so sehr sich die Bilder, die dazu in der Lage waren, f\u00fcr einen entr\u00fcsteten Aufschrei zu sorgen, mit der Zeit auch \u00e4nderten, \u00e4hnelten sich doch die Vorw\u00fcrfe. Als skandal\u00f6s empfunden wurde das, was jeweils als \u00abobsz\u00f6n\u00bb und \u00abunz\u00fcchtig\u00bb galt. 1896 rief dann eben ein Kuss, 1933 in <em>Ekstase<\/em> die nackt badende Hedy Lamarr die Sittenw\u00e4chter auf den Plan. Und 1951 sorgte die lasterhafte Hildegard Knef in <em>Die S\u00fcnderin<\/em> f\u00fcr einen Sturm der Entr\u00fcstung. Neben der Sexualit\u00e4t erwiesen sich im Laufe der Filmgeschichte vor allem die Themen Gewalt, Religion und Politik als skandaltr\u00e4chtig; und das besonders, wenn Filme, was h\u00e4ufig der Fall war, gleich auf mehreren Gebieten gegen geltende Tabus verstie\u00dfen. Die Filme, die dabei im deutschsprachigen Raum die deutlichsten Spuren hinterlie\u00dfen, werden in <em>Skandalfilme<\/em> ausf\u00fchrlich vorgestellt: mit pr\u00e4gnanten Zusammenfassungen des jeweiligen Films und des Skandals, den er verursachte, exemplarischen Zitaten aus den zeitgen\u00f6ssischen Reaktionen, Ausz\u00fcgen aus Zeitungsartikeln, Boykottaufrufen, FSK-Entscheiden, Interviews sowie zahlreichen weiteren Informationen zu Regisseuren, Darstellern, Filmstr\u00f6mungen oder politischen und gesellschaftlichen Hintergr\u00fcnden. Dar\u00fcber hinaus werden zahlreiche weitere Skandalfilme chronologisch geordnet und kommentiert aufgelistet. Zeitlich umfasst die Auswahl die gesamte Filmgeschichte von ihren Anf\u00e4ngen bis heute. Im Mittelpunkt stehen Werke, die im deutschsprachigen Raum als Skandalfilme wahrgenommen wurden, weil sie hier entweder selbst einen Skandal ausl\u00f6sten oder aber mit dem Skandal, den sie andernorts verursachten, zumindest f\u00fcr Gespr\u00e4chsstoff sorgten.<\/p>\n<p>Diese \u00f6ffentliche Debatte ist neben dem Versto\u00df gegen einen gesellschaftlichen Konsens eine weitere Grundvoraussetzung f\u00fcr jeden Skandal. In freiheitlichen Gesellschaften reiben sich Filmskandale an jeweils geltenden Moralvorstellungen. Lockern sich diese, verlieren auch die Filme ihre skandal\u00f6se Wirkung. Die Geschichte der Skandalfilme l\u00e4sst sich daher auch als exemplarische Kulturgeschichte lesen. Da die moralische Entwicklung in der westlichen Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg \u00fcberwiegend in eine Richtung ging \u2013 positiv ausgedr\u00fcckt: die einer moralischen Liberalisierung, negativ formuliert: eines Werteverfalls \u2013 wurde schon mehrfach das Ende aller Skandale heraufbeschworen. Bereits 1958 soll Andr\u00e9 Breton zu Luis Bu\u00f1uel, dem Sch\u00f6pfer des surrealistischen Skandalfilms <em>L\u2019Age d\u2019or<\/em> (<em>Das goldene Zeitalter<\/em>, 1930) gesagt haben, es sei \u00abnicht mehr m\u00f6glich, bei irgend jemandem einen Skandal hervorzurufen\u00bb. In einem 1966 ver\u00f6ffentlichten Interview schloss sich Bu\u00f1uel dieser Auffassung an. Beide irrten. Zum Gl\u00fcck, muss man anf\u00fcgen. Denn w\u00e4hrend im Spannungsfeld von Moral und Freiheit am einen Ende der Skala totalit\u00e4re Staaten Skandalfilmen den N\u00e4hrboden entziehen, w\u00e4ren es am anderen Pol tabulose Gesellschaften, in denen es keinerlei gemeinsamen moralischen Konsens mehr gibt. Eine Gesellschaft ohne Skandale, ein Kino ohne Skandalfilme sollte man sich da eher nicht herbeiw\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Es gibt aber noch einen weiteren Grund, weshalb auch f\u00fcr die Zukunft mit Skandalfilmen zu rechnen ist. Weil das Publikum Spa\u00df daran hat. Skandale boomen. Und es w\u00e4re geheuchelt, zu behaupten, dass ein Buch \u00fcber Skandalfilme nicht auch der Lust an der Sensation fr\u00f6nte, am Verruchten, Verbotenen, am Spektakel, am Streit, am Drama, am Voyeurismus. Ohne all das w\u00e4re aber auch das Kino, wie wir es kennen, kaum vorstellbar. Skandalfilme bilden insofern eine Art Essenz des Kinos. In der Geschichte der Skandalfilme zeichnet sich die Geschichte des Films insgesamt ab, in seiner ganzen Vielfalt; mitrei\u00dfend, qu\u00e4lend, unterhaltsam, streitbar: vom Kunst- bis zum Kommerzkino, vom Meister- bis zum Machwerk.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Anfang machte ein Kuss. Achtzehn Sekunden gen\u00fcgten, um im Fr\u00fchjahr 1896 den vermutlich ersten Skandal der Filmgeschichte auszul\u00f6sen. Die Tageszeitung New York World hatte US-Filmpionier Thomas Alva Edison beauftragt, eine Szene aus dem beliebten New Yorker Lustspiel The Widow Jones nachzustellen: einen Kuss. 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